Psychosen schelmische Erlebnisse eines Betroffenen: Das Resümee aus 26 Jahren psychotischer Lebenszeit
Autor: Matthias Schiemann
ISBN: 979-886739331
Beschreibung:
Psychosen verändern das Bewusstsein. Dieses Buch ist ein Abriss aus 26 Jahre Psychoseerfahrung. Mit Witz, Ironie, Sarkasmus und Erotik werden einige kranke Erlebnisse geschildert. Wer gerne kompakte, liebliche Sprache mag, der wird viel Freude an diesen Text haben. An dieser Stelle seien noch die Waldibücher des Bublerators zu empfehlen. Diese sind aber intellektuell anspruchsvoller, da in denen ein größerer Wortschatz verarbeitet ist und zum Nachdenken anregt, da um die Ecke gedacht wird.
Zitate
Einleitung
Dieses Buch sind die Memoiren eines Psychose erfahrenen Menschen mit paranoider Schizophrenie. Ärzte werden in die Gedanken eines Psychotikers involviert und für alle anderen soll dieses Buch scherzhaft das Krankheitsbild der paranoiden Schizophrenie (F 20.0) darstellen.
Es ist ein Abriss aus 26 Jahren Erfahrung mit dieser Diagnose und zeigt, dass dennoch ein schönes Leben möglich ist.
Psychosen entstehen durch zu viel Dopamin im Kopf. Dopamin ist ein Botenstoff, der zwischen die Nervenzellen geschickt wird. Durch die Überreizung der Nervenzellen mit zu viel Dopamin (oder auch dadurch zu viel übermittelte Informationen) entstehen Wahnvorstellungen, Halluzinationen und, und, und. Neuroleptika sind Medikamente, die ein Schutzschild um die Nervenzellen bauen, durch die nun weniger Dopamin übertragen wird. Viele Menschen können dadurch wieder ein normales Leben führen, mit gewissen Einschränkungen. Ist im Kopf zu wenig Dopamin, so führt das zu Parkinson.
Ein halbes Leben krank,
Gott sei Dank,
Ist auch Spaß gegeben,
Auf den Lebenswegen.
Nicht jeder ist sich selbst am nächsten,
Mitleid und sonstige Gesten,
Lassen den Kranken erkennen,
Wir sind nicht allein bei dem Rennen.
Am Ende des Tunnels scheint noch Licht,
Andere meinen, der ist nicht ganz dicht,
Schön ist es zwischendurch zu gesunden,
Unsere Psyche ist uns nah gebunden.
Nach dem Abitur
Mit dem Abi in der Tasche ging es für mich zwei Tage nach dem Abiball nach Wolfsburg als Werkstudent bei VW. Dort arbeitete ich 7 Wochen im Dreischichtsystem. Was diese Zeit brachte, war ein gestörter Tag- Nachtrhythmus. Meine Empfehlung aus dieser Zeit ist, auch wenn es monetär verlockend ist, arbeitet lieber nicht im Schichtwechsel. Die Folgen sind gesundheitlich bedenklich. Nach den 7 Wochen hatte ich noch 14 Tage frei, bevor ich zur Bundeswehr eingezogen wurde. Am Wochenende vor dem Einzug nahm ein Freund mich mit zu einer Veranstaltung. Es war ein Bauernfangspektakel einer Vermögensberatung. Auf dem Hinweg war ich mit dem Vermögensberater per du. Bei der Veranstaltung merkte ich schnell, die sind auf „Dummensuche“. Sie wollen das Vermögen des kleinen Mannes in den einzelnen Familien mit dubiosen Schrottfonds minimieren. Meine Bedenken bekam der Vermögensberater mit, sodass wir auf der Rückfahrt per sie waren. In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Mein Gedankenkarussell raste. Wie dumm ist mein Freund, dass er an die falschen Versprechen des Vermögensberaters glaubte. Zudem kamen Ängste auf, dass beispielsweise mein Auto in dieser Nacht dem Vandalismus zum Opfer fällt. Völlig neue, negative Gefühle entwickelten sich. Es waren zwar keine Existenzängste, aber Verschwörungstheorien im Kopf zu haben, wie die Welt hat sich gegen mich verschworen, ist eine Form von psychischen Terror die nicht jeder kennt. Jedenfalls ohne die Nacht zu schlafen, fuhr ich am nächsten Tag zur Bundeswehr.
Das Abi in der Tasche,
Beweist, ich bin keine Flasche,
Läuft meine Karriere langsam voran,
Nicht erst seit gestern, aber bis irgendwann.
Von hier an krank,
Ist der Geist manchmal wie ein voller Schrank,
Es passt nichts mehr rein,
Warum müssen es ausgerechnet Psychosen sein?
Das Glück ist mit dem Tüchtigen,
So kann man nur beschwichtigen,
Ich liebe mein so Leben wie es ist,
Und bleibe weiterhin ein Optimist.
Die Bundeswehr
Am Bahnhof in Prenzlau kaufte ich mir eine Bildzeitung. In dieser war eine Werbung mit dem Slogan 3 zu 1. In der Kaserne angekommen lernte ich meine Zimmerkameraden kennen. Einer von Ihnen war Russe. Dem fragte ich, ob er beim Sprechen noch von dem Deutschen ins russische übersetzt. Er sagte ja. Dann war Bettruhe angesagt. Es sollte die zweite Nacht werden, in der ich nicht schlief. Ich hörte einem Zimmerkammeraden sagen: „Ein auf Abi machen!!“ Das breitete mir eine riesige Verfolgungsangst. Die Welt hat sich gegen mich verschworen. Alles, was ich erlebe, beweist in meinem Wahn diese Verfolgungstheorie. In Psychosen hören die betroffenen oft Stimmen, die aber nur in ihrem Kopf sind und nicht in der Realität. Ich öffnete das Fenster und hörte ganz merkwürdige Sirenen, wie ich sie vorher noch nie gehört hatte. Dann rief einer aus dem Nachbarblock: “Affe!!!“ Mir kam die Bildzeitung in die Hände. Den Slogan deutete ich nun, ich könne meinen Verstand 1 zu 3 eintauschen. Mir war klar, das muss jetzt ein Nervenzusammenbruch sein. Es wurde Morgen und die Musterung begann. Was ich von dieser noch weiß, ich musste in eine Art Mikroskop gucken und sah dort merkwürdige bunte Muster. Danach wurden wir eingekleidet. Worüber ich mich wunderte, Hemden wurden hier als Bluse bezeichnet. Jetzt kam ich mit richtig verarscht vor. Ist das hier ein Tunten-Verein bei dem Männer Blusen tragen? Die Wahrheit sollte ich nie erfahren. Zumindest danach ließ ich mich in die Krankenstation einliefern, in der ich die dritte Nacht nicht schlafen sollte. Diese Nacht war sehr kurios. Irgendetwas sollte mir die Zahl Zwei sagen, ich wusste nur nicht was. Beim Toilettengang legte ich mein Feuerzeug neben das Klo und wunderte mich beim nochmaligen Klogang, was mein Feuerzeug dort macht. Das hat irgendetwas mit der Zahl Zwei zu tun. Der Nachtdienst schaute sich Videofilme an. Ein Film war „Universal Soldier“. Obwohl ich den Film kannte, kam er für mich wie zugeschnitten vor. Meine aktuellen Gedanken wurden in dem Film verarbeitet. Diese Version des Filmes wahr für mich in diesem Moment maßgeschneidert, dachte ich. Ich fragte mich, was soll dieser ganze Affenzirkus hier? Mein Geist steuert den Film. Sie wollen meine Gedanken kontrollieren dachte ich. Sie beobachten mich alle. Mein Leben wird von irgendwo gesteuert. Es dreht sich alles nur um mich. Damit war ich nach drei Nächten ohne Schlaf paranoid. Ein Sanitäter meinte zu mir, ich habe ein Hirnschädeltrauma. Nun hatte ich eine Erklärung für meine Gedanken. Zu dumm nur, dass dieser sich vertan hatte. Ein Zimmergenosse in der Krankenstation hatte ein Hirnschädeltrauma und nicht ich. Am nächsten Tag beschloss ich auszubrechen. Ein Soldat fragte mich, wo ich hinwolle. Ich sagte: “Nach Hause.“ Und lief so schnell wie noch nie zum Haupttor. Der Soldat konnte da nicht mithalten und rief: “Haltet ihn auf!!!“ Am Tor wurde ich aufgehalten und sofort danach ging mit mir ein Krankentransport zum Bundeswehrkrankenhaus nach Berlin. Bei dem Transport bekam ich einen Redeschwall. Dabei bekam ich ganz individuelle Gefühle. Leider lassen sich psychotische Gefühle nicht immer beschreiben, da es für diese keine Worte gibt. Daher bereichern Psychosen die Gefühlswelt des Betroffenen so derartig, dass diese Gefühle nur Psychotiker kennen. Auf der Fahrt nach Berlin musste ich all mein Wissen über Mathematik und Biologie loswerden. Die Sanitäter fragten nur: „Hast du das alles gelernt?“ Das erwiderte ich. Dann machten sie sich aber lustig über mich, dachte ich. Sie meinten das Fernsehen drehe sich nur um mich, egal auf welchem Kanal ich schalte. Auch so war ich permanent der Meinung, sie wissen alles über mich und sie lachen über mich. Schon wieder spielte die Zahl Zwei eine Bedeutung. Im Bundeswehrkrankenhaus angekommen, nahm mich ein Arzt auf und ich erzählte ihm von der Zahl Zwei. Die Tage danach sind nur noch verzerrt in Erinnerung, da die Medikamente mich benebelten.
Ein Arzt hatte mich untersucht. Dabei kam er in meinen Intimbereich und atmete tief. Daraufhin erklärte ich ihm, ich sei nicht schwul. Er entschuldigte sich und unterbrach die Untersuchung. Es wurden mehrere Medikamente getestet. Bei den ersten Testversuchen hatte ich meinen Schließmuskel bei einer Verkrampfung nicht unter Kontrolle, sodass ich dann Exkremente in meiner Hose mittrug. Es dauerte einen Tag, bis ich neue Bekleidung bekam, da meine eigene Bekleidung in der Kaserne verblieb. Am Ende stellten sie mich auf Zyprexa ein. Dies ist ein A-typisches Neuroleptikum, welches bei mir zur Dauermüdigkeit führte. Die Patienten erklärten mir, dass die Pillen mich total veränderten und sie rieten mir, diese abzusetzen.
Zwischendurch absolvierte ich einen psychologischen Test, bei dem ich Fragen beantwortete wie: “Wann haben sie das erste Mal onaniert? Was hat ihr Vater dazu gesagt? „Durch diese Psychose wurde mein Plan durchkreuzt, eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr zu absolvieren. In der dritten Woche Klinikaufenthalt waren meine psychotischen Symptome verschwunden und ich bekam mit zwei Alkoholikern Ausgang. Nachdem wir zu dritt sturzbetrunken wieder im Krankenhaus erschienen, war meine Ausmusterung endgültig besiegelt.
Dann musste ich noch für eine Nacht zurück in die Kaserne. Bei der Bildzeitung erkannte ich, dass das 3 zu 1 ein Fußballergebnis war. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen und ich wurde paranoid. An dem nächsten Tag führten zwei Kameraden mich aus dem Haus und eine Putzfrau hatte Wäsche im Flur zu liegen. Ich sagte zur ihr.“ Das ist jetzt nicht ihr Ernst? Sie haben genau gewusst, dass heute hier gefilmt wird!!“ Die beiden Kameraden krümmten sich vor Lachen bei diesem Spontanwitz.
Als kranker Bublerator,
Kam ich mir unglaublich stark vor,
Und das ohne Koks,
Was das Leben vermurkst.
Schneller raus als rein,
So sollte es bei der Bundeswehr sein,
Dies viel Freizeit mir beschert,
Das ist doch was wert.